Direkt zum Inhalt

Magazin

Wir wagen uns aufs Glatteis mit einem Alfa Giulietta Spider Prototypen

Dieser wunderschöne, von Franco Scaglione entworfene Giulietta Spider Prototyp, der einst in einer Scheune dem Verfall preisgegeben war, wurde von Corrado Lopresto wiederentdeckt und in seinen früheren Glanz zurückversetzt. Wir haben die goldene Giulietta auf ihrem Weg nach St. Moritz erwischt.

 

Es ist ein klarer Wintertag im Engadin. Dicke Schneeschichten bedecken Arvenwälder, Gipfel und Dörfer unter einem blassweißen Himmel. Nur die Serpentinen des Maloja-Passes schlängeln sich wie eine schwarze Schlange im Schnee den Berg hinauf. Plötzlich wird die alpine Stille vom anschwellenden Dröhnen eines Motors durchbrochen, dann erblicken wir zwischen den Bäumen einen kleinen goldenen Sportwagen, der die Kurven zum Pass hinauffährt. Mit Pelzmütze und dicker Winterjacke gegen die Kälte steuert der Fahrer den Wagen entlang des Silsersees und des Silvaplana-Sees, die beide zugefroren und schneebedeckt sind. Er hält an, geht zum Ufer, um die Dicke des Eises zu prüfen. Wird es stark genug sein, ihn und seinen treuen Spider zu tragen? Er haucht Nebelschwaden in die klare Bergluft und startet den Motor wieder, bereit für seine erste Fahrt auf dem Eis – eine Barchetta auf dem See. 

Bevor wir uns dem wagemutigen Fahrer bei seinem Drift über den zugefrorenen See anschließen, werfen wir einen Blick in die faszinierende Geschichte dieses Autos: Mitte der 1950er-Jahre feierte Alfa Romeo mit der Giulietta bereits große Erfolge. Max Hoffman, der einflussreiche US-amerikanische Autoimporteur, bat bald darauf um eine offene Version der Giulietta Sprint für den amerikanischen Markt. Alfa Romeo stimmte zu und veranstaltete zur Sicherstellung eines überzeugenden Designs einen Wettbewerb zwischen Pininfarina und Bertone. Die Geschichte kennt das Ergebnis: Pininfarinas Entwurf wurde zur Serienversion der Giulietta Spider, während Bertones Entwürfe abgelehnt wurden, aber dennoch viele offene Sportwagen von Alfa Romeo über Jahrzehnte hinweg beeinflussen sollten. 

Während Pininfarinas Design mit seinen runden Scheinwerfern relativ formal war, waren die zwei von Franco Scaglione für Bertone entworfene Prototypen deutlich radikaler : Der erste, in Rot lackiert, besaß schmalere Scheinwerfer und Heckflossen ohne integrierte Rückleuchten. Doch der zweifarbige, gold-weiße Alfa Romeo von 1955 stahl allen anderen die Show. Beeinflusst vom zeitgenössischen amerikanischen Design und den BAT-Konzeptfahrzeugen, galten beide Prototypen als zu futuristisch und zu kostspielig für die Serienproduktion. „Man ging davon aus, dass das Auto keinen kommerziellen Erfolg haben würde; es war einfach zu teuer“, erklärt Duccio Lopresto, Automobilexperte bei RM Sotheby’s und Sohn des renommierten italienischen Autosammlers Corrado Lopresto. Daher wurden die Autos getrennt: Der rote Prototyp ging in die Schweiz, während dieses Exemplar, Chassis 0004, an Hoffman verkauft wurde, aber in Italien blieb. 

In den 1990er-Jahren erfuhr der junge Corrado Lopresto von einem seltenen Alfa Romeo, der in der Sammlung eines Unternehmers vor sich hin dümpelte. Das Auto war kaum wiederzuerkennen, da es rot neu lackiert und innen neu ausgestattet worden war. Doch Corrado spürte sofort, dass es sich um einen Meilenstein handelte. „Mein Vater sah die Linien und wusste, dass es etwas Besonderes war“, erinnert sich Duccio. „Er hat es fast geschenkt bekommen.“ Sein Zustand deutete eindeutig darauf hin, dass es sich um einen Scheunenfund handelte. Untersuchungen brachten bald Spuren von Gold unter dem Lack ans Licht, und historische Fotografien aus dem Jahr 1958 bestätigten die ursprüngliche Farbgebung. Bei der Restaurierung wurden die originalen cremefarbenen und roten Sitze unter späteren Polsterschichten entdeckt. Obwohl der Lack erneuert werden musste, blieben beeindruckende 80 Prozent der Aluminiumkarosserie erhalten. 

Als der Wagen Anfang der 2000er-Jahre fertiggestellt war, gab es Skepsis sowohl hinsichtlich der Restaurierung als auch der Existenz eines zweiten Bertone-Prototyps. Corrados akribische Dokumentation überzeugte schließlich alle Zweifler, und die Geschichte schloss sich, als der Wagen Jahrzehnte später mit der Witwe des Erstbesitzers wiedervereint wurde. 

Heute ist der Prototyp ein Prunkstück der Lopresto Collection. Leicht, aerodynamisch optimiert und angetrieben von einem 80 PS starken 1,3-Liter-Vierzylinder-Motor, bietet er ein dynamischeres Fahrerlebnis als eine Standard-Giulietta. „Es fährt sich fantastisch und extrem leicht“, sagt Duccio. Angesichts dessen ist es kaum zu glauben, dass ein solcher Entwurf jemals abgelehnt wurde. 

Welches Auto könnte uns besser auf die neueste Ausgabe von The I.C.E. St. Moritz einstimmen als dieserbemerkenswerte Giulietta Spider-Prototyp? Schließlich handelt sich um eine echte italienische Barchetta, ein kleines Boot, das wie geschaffen ist, um auf einem zugefrorenen See über die eisigen Wellen zu tanzen. 

Video von Andrea Furger / Fotos von Andrea Klainguti für Classic Driver © 2026

Folgen Sie Classic Driver auf Instagram und YouTube, um keines der Ausnahme-Autos bei The I.C.E. St. Moritz 2026 zu verpassen.

Watch our latest videos