Los Angeles wirkt nach Einbruch der Dunkelheit wie ein Filmset – befreit vom Lärm des Tages, reduziert auf Neonlichter und verschwommene Bewegungen, könnte man in diesen Straßen problemlos einen Film Noir drehen. Oder eine Cyberpunk-Science-Fiction-Oper. Man braucht nur ein straßenzugelassenes Raumschiff, eine Kamera – und schon kann es losgehen. Wie ein Tropfen aus flüssigem Metall, eine CGI-Skulptur der frühen 90er-Jahre direkt aus den Spezialeffektstudios von Industrial Light & Magic, fährt der Isdera zwischen den Palmen des Beverly Hills Hotels hervor und gleitet auf dem Sunset Boulevard entlang, allein in seinem eigenen Bild.


Der Rodeo Drive flackert in Spiegelungen von Glas und Chrom vorbei, bevor das Tempo auf dem neonbeleuchteten Abschnitt des Strips anzieht, Farben verlaufen über die silberne Karosserie. Das Raumschiff zieht nun nach Norden über den Hollywood Boulevard, passiert den Walk of Fame, und biegt dann wieder nach Westen in Richtung Melrose, wo die Wandmalereien zu Farbstreifen verschwimmen. Kaum Verkehr, keine Unterbrechungen, Ampeln springen auf grün – alles fließt, das Auto und die Stadt bewegen sich synchron. Als der Isdera schließlich wieder den Canon Drive entlangfährt und bei Mel's Drive-In (bekannt aus American Graffiti ) einfährt, herrscht für einen Moment Stille in der Nacht. Noch eine Runde? Die Endlosschleife kann wieder von vorne beginnen.


Wenn dieses Auto aussieht wie das Gefährt aus einem PlayStation-Spiel, dann liegt es daran, dass es das auch ist – oder war. Der Isdera Commendatore 112i avancierte durch Need for Speed II zur Kultfigur. Seine übertriebenen Proportionen und die unglaubliche Leistung ließen ihn eher wie eine Fantasie als wie ein Serienfahrzeug wirken. Doch anders als die meisten digitalen Legenden existiert dieses Wesen tatsächlich: Es war eine einzigartige Vision von Eberhard Schulz und seiner Boutique-Marke Isdera, geschaffen in einer Zeit, als die Grenzen zwischen Straße, Rennstrecke und Fantasie noch so fließend waren wie beim mimetischen Polyaluminium-Antihelden aus Terminator 2.



Mit seinem 6-Liter-Mercedes-V12-Motor, dem von Ruf getunten Getriebe, Porsche-Fahrwerk und -Scheinwerfern, dem Periskopspiegel, dem Shinkansen-Scheibenwischer und dem zu Ehren von Enzo Ferrari gewählten Modellnamen war der Isdera Commendatore 112i ein Superstar unter den Hypercars der 1990er-Jahre – von dem jedoch nur wenige je gehört haben. Er verkörperte wie kaum ein anderes Auto den Optimismus, den Exzess und die Experimentierfreude jener Ära. Jahrzehnte später, im Herzen von Hollywood, wirkt der Isdera weniger wie ein Relikt aus dem analogen Zeitalter, sondern eher wie ein Glitch in der Matrix: eine Maschine, die nie für die Realität gedacht war, sich aber dennoch durch die Welt bewegt, als wäre sie selbst nicht ganz von ihrer Existenz überzeugt.

Der Isdera Commendatore 112i, seit einigen Jahren im Besitz von Philip Sarofim, teilt sich seine Garage mit zwei weiteren futuristischen Unikaten ihrer Zeit: Marcello Gandinis radikalem, keilförmigen Lancia Stratos HF Zero von 1970 und dem brutalistischen Aston Martin Bulldog von 1980, entworfen von William Towns. Wenn Sie also das nächste Mal nachts in den Straßen von Los Angeles ein UFO sehen, könnte es sich möglicherweise nicht um einen Außerirdischen handeln, sondern bloß um einen Bürger von Los Angeles, der sich einen Mitternachts-Milchshake bei Mel's Drive-In gönnen möchte.
Video & Photos: Alpineracer für Classic Driver




































































