Er mag auf den ersten Blick vielleicht etwas unscheinbar aussehen, der 456 GT gehört aber definitiv zu den wichtigsten Ferraris der letzten vier Dekaden. Der modern elegante Gran Turismo aus der Feder von Pietro Camardella, der im Namen seines Arbeitgebers Pininfarina bereits Markenikonen wie den F40 und 512 TR gezeichnet hatte, wurde im Oktober 1992 auf dem Pariser Salon enthüllt und war für die Italiener im Segment der langstrecken- und mitunter auch familientauglichen Sportwagen ein echter Befreiungsschlag.
Sein Vorgänger 412, die finale Evolutionsstufe von Ferraris 2+2-Sitzern mit V12-Motor, bei dem es sich im Grunde um eine Weiterentwicklung des zu dem Zeitpunkt bereits 17 Jahre alten 365 GT4 2+2 handelte, war 1989 ausgelaufen, woraufhin knapp drei Jahre eine Lücke im Modellprogramm des Herstellers aus Maranello klaffte.

Ein großer Schritt in die Moderne
Im Vergleich zum sowohl optisch als auch technisch angegrauten 412 stellte der neue 456 GT einen kompletten Neuanfang dar. Bei dem Coupé handelte es sich um eine komplette Neuentwicklung, was man anhand des geschmackvoll zurückhaltenden und deutlich aerodynamischeren Designs auch äußerlich deutlich erkennen kann.
Unter der leichten Motorhaube aus Verbundwerkstoffen werkelt ein komplett neuer Zwölfzylinder, mit dem Ferrari von einer Steuerkette auf einen Zahnriemen umstellte, was deutliche Vorteile in Sachen Laufruhe und Gewicht mit sich brachte. Erstmals gab es bei einem Ferrari in dieser Klasse ein Sechsgang-Getriebe, das für eine ideale Gewichtsverteilung an der Hinterachse sitzt, und ein serienmäßig verstellbares Fahrwerk aus dem Hause Bilstein.
Dieses sorgte für einen bei Ferrari bisher ungeahnten Fahrkomfort, der den Gran Turismo in Kombination mit der luxuriösen Innenausstattung, dem verbesserten Platzangebot und dem durchzugsstarken Zwölfzylinder zum perfekten Reisewagen machte, der zu einem Shoppingtrip nach Mailand oder eine genussvolle Fahrt entlang der Amalfiküste einlud. So manch stilbewusster Geschäftsmann nutzte ihn aber auch für die tägliche Fahrt ins Büro.
Doch ist der 456 auch knapp 34 Jahre nach seinem Debüt noch für die Langstrecke und den gelegentlichen Alltagseinsatz geeignet? „Der 456 ist auch heute noch ein herrliches Reiseauto – samtiges V12-Drehmoment, komfortable Sitze, echter Gran-Turismo-Charakter auf jeder Autobahn“, meinen die Experten des renommierten Basler Ferrari-Händlers, Restaurierungsbetriebs und Ferrari-Classiche-Partners Niki Hasler gegenüber Classic Driver. Zumindest in Deutschland lässt sich auch die Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h ausreizen.

Undichte Fenstergummis kommen häufig vor
Dafür sollte sich das Auto aber natürlich in einem mechanisch einwandfreien Zustand befinden. Insgesamt gilt der 456 als solide, aber auch die 2+2-Ikone aus Maranello ist vor gewissen Alterserscheinungen nicht gefeit. Zudem gab es bei der Ur-Version mehrere kleinere Kinderkrankheiten. „Der 456 GT litt unter undichten Gummidichtungen, die bei hoher Geschwindigkeit Windgeräusche verursachten. Am 456M GT wurde dies bereits behoben“, gibt die Ferrari-Instanz aus der Schweiz zu bedenken.
Der zusätzliche Buchstabe M in der Modellbezeichnung steht wie bei Ferrari üblich für „Modificata“, also für eine detaillierte Modellpflege. Die des 456 wurde im Frühjahr 1998 vorgestellt und blieb sich grundlegend treu, es wurden aber einige Schwachstellen ausgemerzt und die Technik modernisiert. Im Falle des Gran Turismos bedeutet dies vor allem eine überarbeitete Motorsteuerung inklusive einer optimierten Zündfolge, die Ergänzung einer Antischlupfregelung und einer elektronischen Bremskraftverteilung – ein Novum im Hause Ferrari. Am meisten verändert hat sich mit dem Facelift aber das Interieur. Ob im positiven oder negativen Sinne, bleibt Geschmackssache.
Eine weitere kleine Schwäche des 456 GT betrifft die elektrische Sitzverstellung, die zwar gegenüber den bisherigen 2+2-Sitzern der Marke einen massiven Komfortgewinn mit sich bringt, gelegentlich aber zicken kann. Ein unschönes Detail, mit dem aber viele Autos dieser Ära zu kämpfen haben, sind die sogenannten „sticky buttons“. Die Knöpfe im Innenraum fangen mit der Zeit an zu kleben, was laut der Niki Hasler AG aber leicht zu beheben ist.

Ein regelmäßiger Zahnriemenwechsel ist essenziell
Der 5,5-Liter-V12 mit 442 PS gilt im Allgemeinen als haltbar und zuverlässig, vorausgesetzt, der Zahnriemen wird regelmäßig gewechselt. Wenn dieser reißt oder überspringt, kollidieren die Kolben mit den Ventilen. Bei insgesamt 48 Ventilen und zwölf Zylindern kommt dies einer Katastrophe gleich. Eine Motorrevision kann im schlimmsten Fall mit einer mittleren fünfstelligen Summe zu Buche schlagen, man sollte die Intervalle also gründlichst einhalten.
Eine hohe Wartungsdisziplin sollte man als Ferrari-Besitzer ohnehin haben. Die Experten aus Basel beruhigen diesbezüglich: „Keine Panik! Die Intervalle sind klar definiert: alle 3 Jahre oder 30.000 km – was zuerst erreicht wird. Der Aufwand? Rund 6 Stunden Arbeitszeit in der Werkstatt. Nicht trivial, aber für einen V12 aus Maranello absolut überschaubar und gut planbar.“
Das adaptive Fahrwerk hat im Alter seine Tücken
Im hinteren Bereich des Autos liegt eine weitere Schwachstelle des Autos, die ins Geld gehen kann. Diese sollte man bei einer Fahrzeugbesichtigung definitiv begutachten. Wer die Möglichkeit hat, das Auto auf einer Hebebühne zu inspizieren, sollte unbedingt einen Blick auf die selbstnivellierende Hinterachse werfen – eventuelle Ölspuren oder Undichtigkeiten am System sind ein klares Warnsignal und können teuer werden.
Eine interne Membran trennt in den Federkugeln des hydropneumatischen Systems das Hydrauliköl vom Stickstoffgas. Mit der Zeit wird diese Membran porös oder reißt. Das Gas entweicht und die Kugel füllt sich komplett mit Öl. Da sich dieses nicht komprimieren lässt, verliert die Hinterachse jegliche Federung und der elegante Gran Turismo fängt zu hoppeln an. Weitere Fehlerquellen sind die Stoßdämpfer an sich, die undicht werden, sowie deren Stellmotoren, die bei fortschreitendem Alter kaputtgehen können. Die innerhalb der Szene eher ungeliebten Automatikgetriebe des 456 GTA sind besser als ihr Ruf. Wenn die Wartungshistorie stimmt, muss man sich dahingehend keine übermäßigen Sorgen machen.

Das unverfälschte Ferrari-Gefühl bietet nur der Handschalter
In Sachen Nachfrage wird die Automatikversion vom klassischen Handschalter ganz klar in den Schatten gestellt. Dies bestätigt auch die Niki Hasler AG, die den Grund dafür ganz klar im emotionaleren Fahrerlebnis sieht: „Der Fahrer will aktiv eingebunden sein – und das berühmte ‚Click-Clack‘ des Ferrari-Schaltgetriebes ist heute ein absolutes Kultgefühl, das immer mehr Käufer gezielt suchen. Dieses metallische, präzise Einrasten der Gänge ist einfach unverwechselbar.“ Deshalb raten die Mitarbeiter den Kunden auch ganz klar zu einem 456 mit manuellem Getriebe.
Auch wenn die Automatikversion GTA deutlich günstiger und ohne gründliche Wartungshistorie schon ab etwa 80.000 Euro zu haben ist: Von solchen Autos raten die Experten ab. Laut ihnen sollten Interessenten für einen guten 456 GT mindestens 130.000 Euro einplanen. „Ein entscheidender Faktor ist Ferraris Classiche-Zertifizierung. Sie ist nicht nur ein bedeutender Preistreiber, sondern vor allem ein starkes Signal für die Ernsthaftigkeit des Verkäufers und den authentischen Zustand des Fahrzeugs. Ein zertifiziertes Exemplar gibt dem Käufer eine Sicherheit, die unbezahlbar ist, sowie einen Werterhalt in der Zukunft“, bekräftigen sie im Gespräch mit Classic Driver.

Die Preiskurve dürfte künftig deutlich nach oben zeigen
Auch wenn der 456 aktuell noch zu den günstigeren Ferraris zählt, wird für das insgesamt nur 3.289-mal gebaute 2+2-Coupé eine deutliche Wertsteigerung erwartet. „Sowohl der Ferrari 456 GT als auch der spätere 456M GT gehören zu den interessantesten Kaufgelegenheiten im klassischen Ferrari-Segment. Was viele übersehen: Man bekommt für sein Geld einen vollwertigen V12-Gran-Turismo aus Maranello, mit allem, was Ferrari damals technisch zu bieten hatte. Stellt man das ins Verhältnis zu zeitgenössischen Ferrari-Modellen mit V8-Motor, die heute häufig ähnliche oder sogar höhere Preise erzielen, wird die Diskrepanz besonders deutlich.“
Um sicherzugehen, dass das Coupé langfristig tatsächlich Rendite und Fahrspaß bringt, sollte man bei der Wahl des richtigen Exemplars keine Kompromisse eingehen. Ein Ferrari 456 GT ohne lückenlose Dokumentation ist nach Ansicht der Niki Hasler AG ein großes Risiko, während ein gut dokumentiertes Exemplar eine echte Chance darstelle. Ein Serviceheft und eine vollständige Servicehistorie, ausschließlich mit Einträgen von autorisierten Ferrari-Händlern, sollten immer vorliegen.
Fotos: Niki Hasler AG

















































