Nach über 20 Jahren im Jenseits kehrte Alpine im Jahr 2017 mit einem triumphalen Comeback auf die automobile Bühne zurück. Die moderne Neuinterpretation der A110 war genau das richtige Auto zum richtigen Zeitpunkt. Sie weckte Erinnerungen an das historische Vorbild, ohne in Kitsch abzudriften. Das lag glücklicherweise nicht nur am Namen, dem Retro-Design mit dem Vier-Augen-Gesicht und der Renault-Technik. Vor allem das konsequente Leichtbau-Konzept und das agile Fahrverhalten erinnerten an die legendäre Berlinette, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren die internationalen Rallye-Pisten dominierte.
Während sich die Sportwagenschmiede aus Dieppe in den Achtzigern und Neunzigern eher auf Gran Turismos wie den GTA und A610 konzentriert hatte, kehrte sie mit der Neuauflage ihres bekanntesten Modells zu ihren Wurzeln zurück. Die neue A110 sollte ursprünglich in einer Kooperation mit Caterham entwickelt werden. Das Joint Venture wurde jedoch vorzeitig aufgelöst, woraufhin Alpine den Sportler auf eigene Faust fertigstellte. Die neue A110 füllte eine Marktlücke, da zu dieser Zeit viele puristische Sportwagen eingestellt wurden und so mancher kleine Hersteller sogar ganz von der Bildfläche verschwand.



Gordon Murray fuhr sie jahrelang im Alltag
Die Fachpresse war von Frankreichs neuem automobilen Aushängeschild auf Anhieb begeistert. Auch einige Branchengrößen waren und sind immer noch von den Qualitäten des adretten Coupés überzeugt. Gordon Murray, einer der legendärsten Formel-1-Ingenieure aller Zeiten und Schöpfer des McLaren F1, nutzte sogar eine A110 als Alltagsauto, während er den GMA T.50 entwickelte. Der flache Zweisitzer aus der Normandie gewann zahlreiche Vergleichstests und konnte dabei selbst seinen härtesten Konkurrenten, den Porsche 718 Cayman, mehrfach auf den zweiten Platz verweisen.
Kein Wunder also, dass sich auch die Verkaufszahlen überraschend positiv entwickelten. Über mehrere Jahre hinweg belegte die A110 auf dem europäischen Markt beständig den zweiten Platz der Verkaufscharts. In manchen Monaten pirschte sie sich sogar nah an die Verkaufszahlen des Porsche 911 heran. In ihrem Heimatland übertraf sie die Ikone aus Zuffenhausen zeitweise sogar. Seit der Markteinführung sind im ehemaligen Renault Sport-Werk in Dieppe rund 30.000 Exemplare vom Band gerollt. Damit ist die A110 der Neuzeit die meistgebaute Alpine aller Zeiten. Interessanterweise lässt die Nachfrage über den Produktzyklus kaum nach. Obwohl das Auto zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Jahre auf dem Buckel hatte, wurde 2024 das bisher höchste Produktionsvolumen erreicht.

Die voraussichtlich letzte Alpine der klassischen Machart
Obwohl sie nie mit Handschaltung erhältlich war, bot sie ein emotionales Fahrerlebnis, wie man es bei modernen Autos kaum noch findet. Alpine-Gründer Jean Rédélé wäre stolz auf diese zeitgemäße Neuinterpretation seines Originalrezepts gewesen. Leider wird sich der Nachfolger voraussichtlich nicht mehr so leichtfüßig und puristisch anfühlen wie die aktuelle Generation. Diese bleibt die letzte Baureihe mit Verbrennungsmotor, da Alpine weiterhin an seinem Plan festhält, langfristig zu einer reinen Elektro-Marke zu werden. Aktuell laufen die letzten Exemplare der „klassischen“ A110 vom Band, bevor das Modell im kommenden Sommer endgültig eingestellt wird.
Glücklicherweise sieht die A110 nicht nur gut aus und ist ausgesprochen flink, sie bietet auch eine ordentliche Qualität. „Sie mag weniger geschliffen als ein Cayman wirken, deutlich raffinierter gemacht als ein Lotus ist sie aber allemal. Zudem bietet sie deutlich mehr Fahrspaß als der Konkurrent aus dem Hause Porsche und einen höheren Nutzwert als ein Lotus“, sagt Pierre Guibert von Mecanicus, einem französischen Oldtimer- und Sportwagen-Spezialisten, der in den vergangenen Jahren viel Erfahrung mit den verschiedenen Varianten der A110 gesammelt hat. Der größte Pluspunkt des Mittelmotor-Coupés ist definitiv sein Fahrwerk, dessen Abstimmung der Perfektion sehr nahekommt. Die A110 bietet nicht nur ein lebendiges und direktes Fahrgefühl. Dank der hydraulischen Endanschläge der Stoßdämpfer überzeugt sie auch mit einem exzellenten Federungskomfort, der in der Sportwagenwelt seinesgleichen sucht.



Eine Blaupause in Sachen Ausgewogenheit
„Die meisten Leute kaufen eine A110 zwar nicht unbedingt für den Alltag, aber sie funktioniert unter diesen Bedingungen tatsächlich sehr gut. Sie mag keinen riesigen Stauraum bieten, ein brauchbares Auto ist sie trotzdem. In Innenstädten oder auf der Autobahn ist sie schmal und flink, zudem ist das Fahrwerk sehr schluckfreudig“, unterstreicht Guibert. Das 1.100 Kilogramm leichte Federgewicht ist außerdem ziemlich sparsam. Fachmagazine wie „Auto Motor und Sport“ ermittelten einen Durchschnittsverbrauch von acht Litern. Wer besonders sanft mit dem rechten Pedal umgeht, kann sogar Werte um die sechs Liter erreichen.
Hinter den Sitzen platzierten die Ingenieure der sportlichen Renault-Tochter ein 1,8-Liter-Turboaggregat, das mit einem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe des deutschen Zulieferers Getrag kombiniert wurde. Der Motor trieb zwar auch die letzte Generation des Mégane R.S. (2017–2023) an, doch bei dem Kompaktsportler übernahmen wahlweise ein Sechsgang-EDC oder ein manuelles Schaltgetriebe die Kraftübertragung, um mit dem höheren Drehmoment zurechtzukommen. Während der Vierzylinder in der Topversion von Renaults Kompaktem entweder 280 oder 300 PS leistete, wurde die Leistung bei der A110 anfangs auf 252 PS beschränkt. Nach der auf 1955 Stück limitierten Première Édition bot Alpine zwei Hauptausstattungslinien an: die komfortorientierte Légende und die Variante Pure, die unter anderem mit feststehenden Sabelt-Schalensitzen in Sachen Gewichtsreduzierung nochmal eine Schippe drauflegte.
Die A110 R Ultime ist ein völlig anderes Kaliber
Im Laufe der Jahre schärfte Alpine die Modellpalette weiter nach. Ende 2021 bekam die A110 S beispielsweise eine Leistungssteigerung von 292 auf 300 PS und ein Jahr später wurde das Modellprogramm mit der rennstreckenfokussierten A110 R nach oben abgerundet. Letztere verfügt über ein komplett überarbeitetes, härteres und manuell verstellbares Fahrwerk, ein von allen verzichtbaren Komfort-Features befreites Interieur und einen markanten Heckflügel aus Carbon. Der Verbundwerkstoff kommt bei dieser Version insgesamt reichlich zum Einsatz.
Doch das war noch nicht das Ende der Fahnenstange: Seit Ende 2024 thront die A110 R Ultime an der Spitze. Angetrieben von einer 345 PS starken Ausbaustufe des bekannten Motors, nutzt sie ein Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe, das die im Vergleich zur normalen A110 R zusätzlichen 80 Newtonmeter Drehmoment bewältigt. Insgesamt gibt der Vierzylinder 420 Newtonmeter ab. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 285 km/h und einem Sprint von 0 auf 100 km/h in nur 3,8 Sekunden stößt der kleine Franzose fast schon in Supercar-Territorium vor und fährt auf der Rennstrecke Kreise um seine Gegner. Abseits der Kernmodelle hält Alpine das Erbe der Marke durch zahlreiche limitierte Sonderserien und das Individualisierungsprogramm „Atelier Alpine“ lebendig. Dieses bietet exklusive Lackierungen wie das leuchtende Orange Sanguine an, während geschmackvolle Limited Editions wie die San Remo 73 oder die Enstone Edition schon heute echte Sammlerstücke sind.



Ein Spitzenperformer, der wenig zu verbergen hat
Entgegen aller Vorurteile, die so mancher Ewiggestriger noch gegenüber französischen Autos hegen mag, ist die moderne A110 ein bemerkenswert zuverlässiges und robustes Fahrzeug. Dennoch gibt es ein paar kleine Schwachstellen, auf die man achten sollte – eine davon ist die Kraftstoffpumpe. „Sie befindet sich in einem Bereich des Motorraums, in dem die Hitzeentwicklung sehr hoch ist. Die meisten Ausfälle werden jedoch von der Garantie abgedeckt. Und selbst wenn nicht, geht der Austausch nicht allzu sehr ins Geld“, sagt der Experte von Mecanicus.
„Das Getriebe gilt zwar als potenzielle Schwachstelle, aber wir haben bisher noch nie einen tatsächlichen Defekt oder Austausch erlebt“, fährt er fort. Laut Guibert tritt das Problem hauptsächlich bei intensiven Trackdays auf, wenn das Kühlsystem an seine Grenzen stößt. Diese Herausforderung beim Wärmemanagement führt Berichten zufolge dazu, dass viele Besitzer, die ihre A110 auf dem Rundkurs ans Limit treiben, in Aftermarket-Komponenten investieren. Fahrzeuge, die vor dem Facelift zum Modelljahr 2022 gebaut wurden, hatten zudem mit Software-Bugs zu kämpfen, die mit der neuen Version inklusive Apple CarPlay und Android Auto jedoch ausgemerzt wurden. „Insgesamt ist das Auto sehr solide. Wir haben fast 30 A110 verkauft und hatten so gut wie nie Probleme mit ihnen“, unterstreicht der Experte.

Er weist zudem darauf hin, dass der Unterhalt der A110 für einen moderne Sportwagen-Verhältnisse absolut im Rahmen bleibt. Die Servicekosten beziffert er auf etwa 800 Euro alle zwei Jahre; auch bei der Erneuerung der Reifen und Bremsen halten sich die Kosten in Grenzen. Beim Getriebe seien die Anforderungen indes ähnlich wie bei einem Porsche: Hier rät Guibert zu einem Serviceintervall von 60.000 Kilometern bei normaler Nutzung und 30.000 Kilometern, falls der Wagen häufiger auf der Rennstrecke gefordert wird.
Die A110 setzt auf ein Chassis und Karosseriebleche aus Aluminium – ein Konstruktionsprinzip, das stark an Lotus erinnert. Guibert ergänzt: „Es gibt keine gravierenden Schwachstellen, auf die man achten müsste. Prüfen Sie einfach den Gesamtzustand des Wagens. Falls das Auto auf dem Rundkurs bewegt wurde, erkennt man das schnell am Verschleiß der Bremsen und an den typischen Gummiresten in den Radhäusern.“
Sie sollten mit mindestens 50.000 Euro rechnen
Neun Jahre nach ihrer Vorstellung ist einer der letzten noch halbwegs bezahlbaren echten Sportwagen begehrter denn je – ein Phänomen, das man auch bei der Suche nach dem perfekten Exemplar auf dem Gebrauchtwagenmarkt deutlich spürt. „Die Nachfrage ist bei allen Versionen der A110 hoch, da sie verschiedene Budgets und Einsatzzwecke abdeckt. Die teureren Top-Versionen oder streng limitierten Editionen sind aufgrund des hohen Preisniveaus tatsächlich am schwierigsten zu verkaufen“, erklärt Guibert.
Einstiegsmodelle starten bei rund 50.000 Euro, während eine gut gepflegte A110 mit ordentlich Ausstattung in der Regel mit etwa 60.000 Euro zu Buche schlägt. Wer etwas mehr Punch sucht, muss für eine A110 S meist mindestens 70.000 Euro einplanen. Am oberen Ende des Spektrums wird es deutlich kostspieliger: Eine etwas weniger radikale A110 R Turini liegt bei rund 95.000 Euro, während für eine A110 R in Vollausstattung, samt der charakteristischen Carbon-Felgen, bis zu 105.000 Euro aufgerufen werden.



Welche Version die richtige ist, hängt letzlich ganz davon ab, wie man das Auto nutzen möchte. Für all diejenigen, die primär einen Daily Driver suchen, der auf kurvigen Landstraßen Spaß macht, hält Mecanicus die „klassische“ A110 für die beste Wahl – vor allem wegen ihres komfortablen Fahrwerks und ihres einnehmenden Charakters bei jedem Tempo. Für ein performance-orientiertes Erlebnis mit gelegentlichen Ausflügen auf die Rennstrecke empfiehlt der Experte die A110 S. Dabei betont er, dass man gezielt nach Exemplaren mit der optionalen großen Bremsanlage, dem Aero-Paket und dem Carbondach suchen sollte. Die A110 R hingegen ist ein kompromissloses Track-Tool: Sie ist bretthart abgestimmt und für den täglichen Weg ins Büro gänzlich ungeeignet.
Laut den Experten aus Paris zeigen sich die Preise für die A110 als äußerst stabil, besonders in Frankreich. „Wir haben über die Jahre fast 30 Alpine A110 verkauft und auf nie einen wirklichen Wertverlust erlebt“, bekräftigt Guibert. Langfristig gesehen ist es weitaus wahrscheinlicher, dass der Wert der ersten Alpine der Moderne eher steigt als sinkt. Da der Nachfolger auf einen rein elektrischen Antrieb umgestellt wird, fürchten viele Enthusiasten den Verlust des puristischen Charakters, der die A110 ausmacht – ein Wandel, der einen beträchtlichen Teil der Kernklientel abschrecken und die Gebrauchtpreise nach dem endgültigen Produktionsstopp weiter nach oben treiben dürfte. Letztlich schickt sich die A110 an, als einer der letzten echten Leichtbau-Sportwagen zu vernünftigen Preisen in die Geschichte einzugehen und so ihren Status als künftiger Klassiker zu zementieren.
Fotos: Mecanicus














































