


Auch wenn es abgedroschen klingt: Es gibt viele wunderschöne Autos, aber eines sticht bis heute aus der Masse heraus – der Lamborghini Miura. 1966 als Kooperation des damals knapp 30 Jahre alten Gian Paolo Dallara und des Bertone-Designers Marcello Gandini auf die Räder gestellt. So verführerisch, dass es krass untertrieben klingt, den nach einem Kampfstier benannten Miura einfach nur „Auto“ zu nennen. Er ist Skulptur, Theater, Italien in Metall und Leder gegossen. Selbst bald 60 Jahre, nachdem er die Automobilwelt revolutioniert und die neue Kategorie „Supersportwagen“ begründet hat, ist der Miura ein Objekt der puren Begierde.Sicher, Mercedes hat mit dem 300 SL „Flügeltürer“ Perfektion geschaffen, Ferrari kann eine ganze Reihe von atemberaubenden Klassikern aus der goldenen Ära vorweisen – aber der Miura ist die hohe Kunst auf vier Rädern.

Der vom 25-jährigen Gandini entworfene Miura schrieb das Regelbuch für das Design von Sportwagen komplett neu. Die prächtigen, von „Wimpern“ umrahmten Scheinwerfer an der Front verliehen ihm eine fast schon katzenhafte Verschmitztheit, als wüsste das Auto genau, welche Wirkung es auf den Betrachter hat. Die Karosserie fließt in unglaublich organischen Kurven, jede Linie ist durchdacht und fließend, wodurch ein Fahrzeugkörper entsteht, der trotz seiner kompakten Größe überall und jederzeit alle Blicke auf sich zieht.



Unter der Heckverkleidung verbirgt sich ein quer eingebauter V12-Motor, ein Meisterwerk der Ingenieurskunst des Trios Dallara, Paolo Stanzani und Bob Wallace, die in ihrer Freizeit abends an dem Prototyp arbeiteten. Tatsächlich taten sie es im Geheimen und gegen den Willen von Ferruccio Lamborghini, der leistungsstarke, aber komfortable Grand-Touring-Wagen den von Rennwagen abgeleiteten Modellen seines lokalen Erzgegners Ferrari vorzog.Als Ferruccio jedoch den Prototyp zu Gesicht bekam, gab er grünes Licht für die Weiterentwicklung und machte so den Weg frei für den weltweit ersten echten Supersportwagen.
Heutige Hypercars verkörpern völlig andere Werte als der Miura bei seiner Markteinführung. Zwar verliehen ihm das Mittelmotor-Layout und seine „Rennwagen-für die Straße“-Mentalität einen besonderen Reiz, aber die reinen Leistungsdaten waren nie der entscheidende Punkt.Man verliebt sich nicht in einen Miura, weil er in unter sieben Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt. Stattdessen verfällt man seinem Charisma, seinen vielen Eigenheiten, seinem Gänsehaut-erzeugenden Sound und der Art und Weise, wie sich die Gesichter der Menschen aufhellen, sobald sie ihn von weitem erblicken.

Der hier gezeigte Miura P400 S wurde im November 1970 ausgeliefert und erstmals im Mai 1971 zugelassen. Lackiert in der Farbe Argento Indianapolis über einem schwarz-beigen Kunstleder/Stoff-Interieur. Nach den ersten beiden Besitzern mit Wohnsitz Lausanne und Genf gelangte er 1981 an einen weiteren Eigenossen aus Appenzell, der ihm 35 Jahre die Treue hielt. 2017 dann Wechsel in die Niederlande, von wo der vierte und bislang letzte Besitzer das Auto auf eine Concours-Tournee schickte. Der Miura gewann 2018 beim Concours d’Elegance Paleis Het Loo den Preis „Gentleman’s Sports Cars of the Seventies” und beim Concours d’Elegance Paleis Soestdijk die Trophäe „60 Years of Lamborghini”. Zuletzt wurde er im Mai dieses Jahres beim „Lugano Elegance” Concours gezeigt, wo er in der Klasse „Travel in Style – GT and Sports Cars” siegte.
Bleibt die Frage: Ist der Miura also wirklich das schönste Auto, das je gebaut wurde? Das ist eine Debatte für Benzingespräche in der Kneipe oder bei Oldtimertreffen. Aber wenn Sie das Glück haben, einem Exemplar wie diesem gegenüberzustehen, nehmen Sie sich ein paar zusätzliche Momente Zeit, um jede einzelne Linie zu bewundern, und sich zu fragen: Gibt es wirklich ein Auto, das so mühelos so viel Stil ausstrahlt?





































