
Mit dem Aufstieg der Luxuslogos, der Haute Hologerie und der Promi-Kultur in der Bling-Ära der frühen 2000er-Jahre beeilten sich die Autohersteller, die weltweite Nachfrage nach extravaganten, opulenten und teuren Automobilen zu befriedigen. Während Luxuskonzerne wie LMVH, Kering und Richemond ihre Marktführerschaft festigten, zauberten eher technokratische Automobilkonzerne wie BMW, Daimler und Volkswagen plötzlich ihre eigenen Luxusmarken und -modelle aus dem Hut. BMW brachte mit dem Rolls-Royce Phantom ein rollendes Kensington-Stadthaus auf den Markt, Bentley verband mit dem Continental GT Handwerkskunst mit hoher Leistung – und Daimler belebte die legendäre deutsche Vorkriegsmarke Maybach wieder. Der Maybach 57 und seine chauffeurgeführte Langversion, der Maybach 62, waren deutlich über der Mercedes-Benz S-Klasse positioniert und sollten die aristokratische Grandeur der 30er-Jahre-Zeppelin-Ära mit modernster Technologie verbinden.



Die neuen Maybach waren in hohem Maße individualisierbar, wurden in einer eigenen Manufaktur weitgehend per Hand gebaut und waren mit Preisen zwischen 300.000 und 500.000 Euro äußerst kostspielig. Trotz (oder vielleicht gerade wegen dieser Preise) hoffte Daimler, jährlich mehr als 1.500 Fahrzeuge verkaufen zu können. Am Ende fielen die Verkaufszahlen nach der Markteinführung im Jahr 2002 jedoch deutlich geringer aus: Tatsächlich fanden pro Jahr nur 300 bis 400 Fahrzeuge einen Käufer, manchmal sogar weniger. Das Design wurde dafür kritisiert, dass es den verlängerten S-Klassen zu ähnlich sei und es an der unverwechselbaren Identität und britischen Eleganz mangele, die ein Rolls-Royce Phantom oder Bentley Continental boten. Zwar verströmte der Innenraum mit einem Kühlfach im Fond, bis zur First-Class-Liegesitzposition verstellbaren Rücksitzen und viel Holz und Leder die Opulenz und das Flair eines Privatjets, doch wirkte die Designsprache eher konservativ und geschäftsmäßig und ließ die ästhetische Kohärenz und die luxuriöse Ausstattung der konkurrierenden Luxus-Flaggschiffe vermissen. Berichten zufolge verlor Daimler aufgrund der geringen Stückzahlen und der hohen Entwicklungs- und Produktionskosten mit jedem Fahrzeug massig Geld. 2011 gab man bekannt, dass man Maybach einstellen werde; schon im Jahr darauf lief die Produktion dann auch aus. Heute ist Mercedes-Maybach nur noch eine Luxus-Submarke, die erfolgreich maßgeschneiderte Individualisierungspakete für viele Mercedes-Modelle anbietet.



Doch zurück zu den frühen Millennial Maybach. Zwar konnten sie weltweit nicht genügend Interessenten mobilisieren, doch gab es eine kleine, aber zahlungskräftige Nischen-Klientel, die sich an der unverblümten „Geld-spielt-keine-Rolex“-Ästhetik ergötzen konnte: US Rapper. Während Eric B. & Rakim und LL Cool J in den 1980ern schon große Medaillon in Form des Mercedes-Sterns trugen, avancierte die Luxuslimousine aus Stuttgart Anfang der 2000er-Jahre zum Must-Have-Accessoire für angesagte Rap-Künstler wie 50 Cent, Kanye West, Lil Wayne, T.I. und Young Jeezy. Rick Ross feierte das Auto sogar mit einem Song namens „Maybach Music“. Beyoncé sang „I could get you a new truck, maybe even a Maybach“ (Ich könnte dir einen neuen Truck kaufen, vielleicht sogar einen Maybach). Und Jay-Z ließ in seinen Videos sogar den nur einmal gebauten Maybach Exelero und einen maßgeschneiderten, zerlegten Maybach 57 auftreten. Einige Jahre lang war Maybach der Endgegner in der ewigen Ruhmeshalle des Hip-Hop.



Da der warme, schwere, smoothe und aufwendig produzierte Soundtrack der G-Unit-Ära ein Comeback erlebt, sind auch die frühen Maybach-Modelle aus den Y2K-Jahren plötzlich wieder angesagt. Die lange, glatte und fast yachtähnliche Form bietet eine willkommene Abwechslung zu den überstylten Hyper-Luxus-SUV der Neuzeit und passt gut zur Philosophie des „versteckten Reichtums” und „stillen Luxus”, die die Generation Z derzeit pflegt. Das Gleiche gilt für die frühen Maybach-Interieurs mit ihren weichen, grauen und beige-braunen Lederpolstern, glänzendem Wurzelholz und klappbaren LCD-Bildschirmen. Was vor nur fünf Jahren noch old-school wirkte, erscheint heute stilistisch stimmig, retro-cool und absolut im Trend, genau wie Klapphandys, iPods und Elektronikgeräte aus gebürstetem Metall. Nicht zuletzt haben viele der Maybach-Modelle der ersten Generation trotz ihrer meist geringen Laufleistung 50 bis 70 Prozent an Wert verloren und bieten somit ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis – noch dazu die Gelegenheit, auch ohne ein Fortune-500-Gehalt wie ein Firmenboss zu reisen und vorzufahren.
Von den elf aktuell im Classic-Driver-Markt angebotenen Maybach würden wir wahrscheinlich diesen Maybach 57 von 2003 in der Zweifarb-Lackierung Himalaya Hellgrau/Nayarit Silber über einem Interieur in Galapagos Grau aus dem Bestand von Eberhard Thiessen in Hamburg wählen. Bliebe nur die Frage: Welches Rap-Album aus den frühen 2000ern würden wir nur in den DVD-Wechsler schieben?














































