

In Courmayeur, wo alpine Wildbäche rauschen und Kuhglocken aus der Ferne herüberklingen, wird das Brummen von Motoren normalerweise von dichten Kiefernwäldern und schroffen Klippen gedämpft. Doch das Auto, das uns heute in diesem Naturtheater entgegenkommt, verspricht ein ganz anderes, fast opernhaftes Drama: Während das Tageslicht ins Aostatal fällt und es sich mit von Weinstöcken bepflanzten Terrassen und schwindelerregend am Hang klebenden Burgen öffnet, hallt der von Runterschaltvorgängen geprägte Sound eines Wagens durch die Schluchten – und wird immer durchdringender. Innerhalb weniger Sekunden schießt ein gelber Blitz vorbei, bremst ab und wirkt, zum Stillstand gekommen, wie ein außerirdisches Objekt. Was uns fast den Atem raubt, ist der einzige bei den 24 Stunden von Le Mans gefahrene Nissan R390 GT1 mit Straßenzulassung. Und der Mann, der mit einem Lächeln im Gesicht aus dem Fahrersitz steigt, ist kein Geringerer als Érik Comas – der französische Ex-Formel-1-Star, der genau dieses Auto bei den 24 Stunden des Jahres 1998 steuerte.

Obwohl wir es kaum erwarten können, auf den Straßen des Aostatals diesen lupenreinen Le-Mans-Rennwagen zu erleben, müssen wir zunächst zu den Anfängen der ungewöhnlichen Karriere des im September 62 Jahre alt werdenden Érik zurückgehen. „Im Vergleich zu den meisten heutigen Fahrern bin ich erst spät zum Motorsport gekommen. Ein Mechaniker im Geschäft meines Vaters hatte ein Kart, das er nur zum Spaß benutzte. Ich war 13 Jahre alt, als ich es zum ersten Mal ausprobieren durfte“, erinnert sich Érik. „Zum Glück gab es in der Nähe meiner Heimatstadt Valence eine kleine Rennstrecke, und die Leute bemerkten bald, dass ich auf Anhieb schnell war. Ich war heiß auf mehr, aber mein Vater ließ mich nur auf dem Parkplatz eines Supermarkts, der hinter seiner Werkstatt lag, herumfahren.“ Als Érik fragte, ob er an Wettkämpfen teilnehmen könne, war die Antwort seines Vaters ein kategorisches „Nein“. Ergo beschloss er im Alter von 18, sich ein eigenes Kart zu kaufen. Innerhalb von zwei Jahren wurde Éric französischer Meister, was die frühen Einschätzungen seines unzweifelhaft vorhandenen Talents bestätigte und ihm bald den Aufstieg in die höheren Sphären des Motorsports ermöglichte.



Von 1990 bis 1994 trat Érik Comas für Ligier und Larrousse zu 63 Formel-1-Rennen an und maß sich dabei mit einigen der größten Talente jener Zeit. Nach dem Ende seiner Formel-1-Zeit ergab sich eine neue Chance, als Toyota Comas an einem regnerischen Tag auf der berühmten japanischen Rennstrecke von Suzuka ein interessantes Angebot machte: Start in der All-Japan Grand Touring Car Championship (JGTC). Comas nahm die neue Herausforderung an, und nachdem er in der Saison 1996 einen der legendären Castrol Supras gelenkt hatte, erhielt er einen Anruf von Nissan: „Sie boten wir an, in Japan für Nismo einen GT-R zu fahren und zusätzlich in Le Mans ein brandneues, zusammen mit Tom Walkinshaw Racing entwickeltes GT1-Auto. Nach dem McLaren F1 erst das weltweit zweite GT1-Auto aus Kohlefaser. Sie erklärten mir alles über das Projekt, und ich war sofort Feuer und Flamme.


Anstatt mich für die Jahre 1997 und 1998 zu bezahlen, vereinbarten Nissan und ich, dass ich das erste Chassis der 25 Straßenfahrzeuge erhalten würde, die zur Erfüllung der FIA-Homologationsregeln gebaut werden mussten. Wir hatten den Deal fast abgeschlossen, als Nissan entschied, sich ausschließlich auf die 24 Stunden von Le Mans zu konzentrieren. Für die jedoch nur ein Straßenfahrzeug zur Homologation durch den Automobile Club de l’Ouest (ACO) benötigt wurde. Dieses homologierte Fahrzeug befindet sich, wie nicht anders zu erwarten, bis heute bei Nissan Heritage in Japan.“ So war Ériks Traum von einer Straßenversion seines Traumrennwagens zunächst geplatzt, aber man versicherte ihm, dass, sollte sich die Gelegenheit ergeben, vielleicht doch noch was möglich wäre….
Dessen ungeachtet begannen die Tests mit dem Nissan R390 GT1 Anfang 1997. Comas spulte damals unglaubliche 20.000 Kilometer auf verschiedenen europäischen Rennstrecken ab – ohne einen einzigen technischen Defekt! Er strahlt vor Freude, wenn er an diese Entwicklungsphase zurückdenkt „Wir hatten vor Le Mans in Portugal und Paul Ricard getestet, und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit jeder Runde schneller wurde. Ich dachte: ‚Was für ein Prachtstück! Das ist das beste Rennauto, das ich je gefahren bin.‘ Als wir dann in Le Mans ankamen, wussten wir schon nach den Trainings, dass wir gute Chancen hatten. Das Auto war schon 1997 schnell, aber 1998 fühlte es sich dann perfekt an.“


1997 kam Comas in Le Mans beim ersten Einsatz mit dem R390 auf Platz 12, doch 1998 ging es für ihn und seine Partner Jan Lammers und Andrea Montermini viel weiter nach vorn. Trotz der Wendungen der Rennstrategie, des wechselhaften Wetters und der starken Konkurrenz in Gestalt der Toyota GT-One, der Mercedes-Benz CLK-LM und der Porsche 911 GT1 erreichte ein rein japanisches Fahrer-Trio zum ersten Mal in der Geschichte von Le Mans im R390 GT1 #32 mit Platz drei einen Podiumsplatz. Die beiden anderen R390 mit Nielsen/Krumm/ Lagorce und dem Team rund um Comas folgten auf den Positionen fünf und sechs. Auch Lammers und Montermini lobten das Auto für seine unglaubliche Zuverlässigkeit. Ériks Grinsen ist immer noch deutlich zu sehen, während er sich sanft gegen die gelbe Karosserie lehnt. „1998 war für mich das beste Jahr meiner Karriere. Mit dem Skyline GTR-33 in Pennzoil-Farben habe ich die GT500-Klasse der JGTC gewonnen, dazu dann dieses Erlebnis mit dem R390 GT1 in Le Mans, und das alles, während ich damals mit 35 Jahren in Kalifornien lebte! Deshalb bedeutet mir dieses Auto bis heute noch so viel.“



Und so kehren wir in die Gegenwart zurück und sind neugieriger denn je, wie Érik nicht nur zu einem R390, sondern zu jenem R390 GT1 kam, den er damals in Le Mans fuhr. „Mein Traum von 1997, einmal einen R390 GT1 auf der Straße fahren zu dürfen, wurde 2018 wiederbelebt. Möglich war das nur dank meiner Vorvereinbarung mit Nissan, da ich der einzige Fahrer war, der von 1997 bis 1999 das komplette Nissan-Le-Mans-Programm absolviert hatte. Mein Traum war jedoch nicht, an klassischen Rennen teilzunehmen. Tatsächlich war es immer noch derselbe Traum wie 20 Jahre zuvor – mit diesem GT1 auf öffentliche Straßen zu gehen!“



Kaum zu glauben, aber wie Érik erklärt, musste nur sehr wenig geändert werden, um das Auto straßentauglich zu machen: „Abgesehen von der Servolenkung, einer besseren Kühlung und Lüftung für den Innenraum und einer Hupe sind 95 Prozent des Autos so, wie es damals in Le Mans antrat. Die Bremssättel ebenso wie die gesamte Karosserie, der Motor und das Getriebe.“ Nur die Kupplung ist etwas verstärkt, sodass Érik auch im Stop-and-Go-Verkehr gut fahren kann. Da Nissan die Homologation zunächst in Großbritannien beantragt hatte, nutzte er einfach die damaligen Unterlagen und ließ das Auto in England auf den Betrieb im Straßenverkehr zu.
Der außerweltliche Rennwagen steht nun vor dem kleinen Dorfcafé. Wir bezahlen unsere Espressi, Érik öffnet das Cockpit, quetscht sich auf den rechten Fahrersitz und startet den Motor mit einem ohrenbetäubenden, ungefilterten Röhren. Neben modernen Nissan SUV und kampferprobten Fiat Panda wirkt der Nissan R390 GT1 wahrlich wie ein Gerät vom anderen Stern. Jeder Mensch, dem wir begegnen – vom Erstklässler bis zur Oma – bleibt stehen, starrt oder zeigt auf diesen legendären Rennwagen, der vorbeifährt. Bald wird es für uns im Begleitwagen immer schwieriger, mit Érik Schritt zu halten, während er sein Auto auf den engen Bergstraßen richtig fliegen lässt. Der Motor ist exakt derselbe 3,5-Liter-Twin-Turbo-V8 wie damals in Le Mans– man kann sogar noch die Siegel des ACO an den Seiten der Turbolader sehen – und er schickt rund 660 PS auf die Hinterräder. Ohne die für Le Mans vorgeschriebenen Luftmengenbegrenzer könnte er über 1.000 PS mobilisieren. Doch angesichts des Gewichts von rund 1.000 Kilo sind 660 PS mehr als ausreichend. Unglaublich flach, breit und mit einem massiven Spoiler, würde Ériks Daily selbst die neuesten Einhorn-Hypercars in den Schatten stellen.

Während er den Wagen auftankt, setzen wir unser Gespräch bei einer weiteren Tasse Kaffee fort. Fasziniert von der Pennzoil-Lackierung, die auch auf den von ihm in der JGTC gefahrenen Skyline R33 und R34 zu sehen war, aber nie auf einem R390, erzählt uns Érik eine weitere Geschichte. „Als ich ihn 2022 beim Concorso d'Eleganza Villa d'Este vorstellte, war er noch fast ganz weiß. 2023 beim Fuoriconcorso trug er eine halb/halb-Folierung, rechts so wie 1998 in Le Mans und links weiter weiß. Anfang dieses Jahres, als das Auto seine komplette ursprüngliche Le-Mans-Lackierung erhalten sollte, traf Érik den renommierten Künstler Benoit Fraylon, einen seiner Nachbarn am Persischen Golf, wo er aktuell (im Oman) wohnt. „Als Fan meiner Rennfahrerkarriere teilte er mit mir ein Projekt, das er in seiner Freizeit entwickelt hatte, mit der einzigen Absicht, das Interesse in den sozialen Medien zu wecken: eine atemberaubende Pennzoil-Lackierung. In diesem Moment wurde mir klar, dass Benoit ein Meisterwerk geschaffen hatte, das die Essenz meiner japanischen Karriere bei Nismo perfekt visualisierte: Mein großartiger R390 GT1, der mir einen Vertrag bei Nissan einbrachte, nun im Gelb meines Pennzoil GT-R, dem Meisterauto der Saisons 1998 und 1999.“ Érik fährt lächelnd fort: „Nachdem ich Benoits Pläne gesehen hatte, konnte ich drei Tage lang nicht schlafen, ich war zu aufgeregt. Ich nahm Kontakt mit dem Team auf, das mit der Le-Mans-Lackierung schon zur Hälfte fertig war, zeigte ihnen Benoits Entwürfe und glücklicherweise waren sie der Meinung, dass sie perfekt waren!“


Es gibt eine ganze Generation von Autoenthusiasten, die die goldene Ära des Motorsports der 1990er-Jahre und ihre Autos – die Pennzoil Skylines, die Castrol Supras und Hypercar-Ikonen wie diesen R390 GT1 – über einen PlayStation-Controller miterlebt haben und davon träumen, wie es wohl wäre, diese Boliden im echten Leben zu fahren. Érik Comas war für viele von uns ein wahrer Rennsportheld, der einige der großartigsten Rennwagen made in Japan fuhr. Direkt neben ihm und seinem straßenzugelassenen Nissan R390 GT1 zu stehen und bei einer Tasse Kaffee entspannt über diese aufregende Ära und dieses einzigartige Auto zu plaudern, wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.
Fotos von Remi Dargegen für Classic Driver 2025





































































































