


Offiziell wird England aus der Downing Street und den Houses of Parliament regiert. Doch tatsächlich werden die wirklich entscheidenden Schachzüge und Deals traditionell bei einem Glas Whisky in den exklusiven Gentlemen’s Clubs, Sportclubs und Mitgliedsgesellschaften der britischen Hauptstadt besiegelt. Wer Einlass findet, gewinnt Einfluss — das gilt für intellektuelle Debattierstuben wie den White's oder Brook's Club in London St. James genauso wie für sportlich ambitionierte Vereinigungen wie den Marylebone Cricket Club, den Royal Thames Yacht Club oder den St Moritz Tobogganing Club, der mit dem Cresta Run eine inoffizielle Auslandsvertretung exzentrisch-englischer Clubkultur in den Schweizer Alpen betreibt. Und, weil Londons Eliten traditionell dem Automobil verfallen sind, gehören zu den Machtzentren der Hauptstadt auch der altehrwürdige Royal Automobile Club, der Bentley Owners Club und der Aston Martin Owners Club, kurz AMOC, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert.


Wahrscheinlich, so lässt sich mutmaßen, haben "Aushängeschilder" wie James Bond, der Cresta Run und der international ausgerichtete AMOC in den Nachkriegsjahrzehnten mehr für Ruhm und Ansehen Großbritanniens in Europa geleistet als der Britische diplomatische Dienst. Dabei hätte sich Geheimagent 007 streng genommen gar nicht als Clubmitglied im AMOC qualifiziert: Voraussetzung zur Aufnahme war schließlich lange Jahre der Besitz eines Aston Martin.



Und James Bonds ikonischer Aston Martin DB5 war pragmatisch betrachtet ein Dienstwagen aus dem staatlichen Fuhrpark ihrer Majestät — auch wenn es der Außendienstler mit der Mission zum Töten bei der privaten Nutzung nicht immer ganz genau nahm. Heute wird die Aufnahme neuer Mitglieder entspannter gehandhabt, doch ohne eigenen Aston Martin in der Garage ist die Mitgliedschaft im Aston Martin Owners Club (und das Leben an sich) freilich nur halb so schön. Wie dem auch sei: Am vergangenen Wochenende feierte der AMOC seinen 90. Geburtstag. Und zwar nicht in London oder am alten Firmensitz in Newport Pagnell, sondern — weil Aston-Fahrer eben keine Gelegenheit für einen Road Trip auslassen — bei einer Ausfahrt nach Saalfelden am Steinernen Meer am Fuße der Österreichischen Alpen.


Der Sportsgeist verlangte es natürlich, dass die meisten Teilnehmer auf eigener Achse zum Clubtreffen und Concours anreisten. Ein Gentleman aus Dänemark hatte die Strecke aus dem Hohen Norden gar in 14 Stunden "in einem Rutsch" am Steuer seines Aston Martin DB6 absolviert. Wir von Classic Driver hatten uns derweil an unsere Freunde von der Golden Age Collection aus München gehalten: Schließlich hatte Christophe Schmidt, der die private Sammlung eines anglophilen Enthusiasten kuratiert, uns schon beim Concorso d'Eleganza Villa d'Este und The ICE St. Moritz mit außergewöhnlichen Aston Martin überrascht. Zum 90. Jubiläum des AMOC hatten die Münchener nicht nur ein oder zwei, sondern gleich 11 historisch bedeutsame Sammlerautos aus dem goldenen Zeitalter von Aston Martin mit nach Saalfelden gebracht. Und da das Gipfeltreffen auf der Großglockner-Hochalpenstraße wegen plötzlichen Schneefalls leider ausfallen musste, blieb umso mehr Gelegenheit, uns gemeinsam mit Christophe Schmidt auf eine Zeitreise durch die Markengeschichte zu begeben.


Das älteste Auto aus der Sammlung war ein Aston Martin Ulster Sport 2-Seater mit eindrucksvoller Geschichte: Im Jahr 1935, dem Gründungsjahr des AMOC, hatten M.C. Trehorne Thomas und Michael Kenyon den berühmtesten Vorkriegsrennwagen der Marke bei den 24 Stunden von Le Mans eingesetzt und den 10. Platz in der Gesamtwertung erzielt. Den Übergang in die Nachkriegszeit marktierte derweil einer der drei Aston Martin DB2 Werks-Rennwagen aus dem Jahr 1950 mit schier unglaublicher Renngeschichte: Mit Piloten wie Eric Thompson, George Abecassis, Lance Macklin und Tommy Wisdom am Steuer, hatte das "Team Car" neben einem dritten Platz in der Gesamtwertung und zwei Klassensiegen in Le Mans auch zweimal siegreich bei der Mille Miglia teilgenommen, bevor es als "Daily Driver" in den Besitz von Firmengründer Sir David Brown überging.


Unser liebster Rennwagen aus der Golden Age Collection ist und bleibt jedoch der atemberaubend schöne Aston Martin DB3S von 1955. Der filigrane Rennwagen in amerikanischem Crémeweiß mit dunkelblauen Streifen wurde einst bei Rennen an der US-Westküste eingesetzt und hat uns bereits bei The ICE und zuletzt bei Marks & Cars verzaubert.



Der AMOC ist ein Ort für Markenkenner — wer eine Frage zur mitunter etwas verworrenen Marken- und Modellgeschichte von Aston Martin hat, findet bei den Treffen des Clubs meist nicht nur eine, sondern gleich mehrere sehr gute Antworten. Und wie so oft bei erfahrenen Sammlern, sind es auch hier vor allem die obskuren Erprobungsautos und "Missing Links" zwischen den großen Erfolgsmodellen, für die sich die Aston-Jünger besonders begeistern: Ein solches Schlüsselmodell aus der Golden Age Collection ist der Werksprototyp des Aston Martin DB4 mit Typenbezeichnung DP114/2 aus dem Jahr 1957. Im Werk gestaltet und mit einer De-Dion-Hinterachse versehen, diente das Auto nicht nur als rollendes Entwicklungslabor, sondern auch als Privatwagen für die Frau von David Brown.


Eine Schlüsselrolle in der Markengeschichte spielte auch der Aston Martin DB5 V8 Prototyp aus dem Jahr 1966: Er war nicht nur das erste Versuchsfahrzeug aus dem neuen Werk in Newport Pagnell, sondern auch der erste straßenzugelassene Aston Martin mit jenem von Tadek Marek entwickelten V8-Motor, der die Marke von 1969 bis ins Jahr 2000 entscheidend prägen sollte: Das Aggregat ersetzte den traditionellen Reihensechszylinder und führte Aston Martin in die Ära der High-Performance GTs und Supercars. DBS V8, V8 Vantage, Lagonda, und sogar die Bulldog-Konzeptstudie wären ohne den Achtzylinder von Tadek Marek nicht denkbar gewesen.



Nicht nur der AMOC feiert in diesem Jahr seinen Geburtstag, auch der Aston Martin DB6 wird 2025 stolze 60 Jahre alt. Und was hätte es für ein besseres Auto gegeben, um dieses Jubiläum zu begehen, als den ersten jemals gebauten DB6 aus dem Jahr 1965 in elegantem "Silver Birch" mit dunkelblauen Ledersitzen? Als Krönung der Modellreihe hatte die Golden Age Collection zudem eine von nur 38 produzierten Aston Martin DB6 MkII Volante in erstklassigem Originalzustand mitgebracht, praktisch ein Zwilling des Aston Martin, den King Charles seit seinem 21. Geburtstag besitzt.


Die seltenste und britischste aller Variationen eines Aston Martin ist aber natürlich der Shooting Brake, jener zum Jagdwagen umgebaute Straßensportler mit reichlich Platz für Flinten, Hunde und Picknick-Körbe. Und da die Golden Age Collection gleich zwei Shooting Brakes mitgebracht hatte — den einzigen im Werk gebauten DB5 und einen Radford DB6 in Vantage-Spezifikation — ließen sich die feinen Design-Unterschiede der beiden Gentleman-Kombis vortrefflich im direkten Vergleich diskutieren. Der einst für David Brown persönlich gebaute DB5 Shooting Brake wurde später auch von dem Gentleman Driver und L'Oréal-Vorstand Lindsay Owen-Jones gefahren. Die wochenendtauglichen Dienstwagen, sie sind und bleiben beim AMOC ein wiederkehrendes Thema.



Ganz privat — und somit vollumfänglich für eine Mitgliedschaft im AMOC qualifiziert — war derweil Sir Elton John Mitte der 1980er Jahre am Steuer seines Aston Martin V8 Vantage in England unterwegs. Lackiert im Farbton "Royal Cherry", mit magnolienfarbenen Sitzen und blubberndem 7-Liter-Motor unter der Haube, entsprach das britische Muscle Car zwar nicht ganz dem bisherigen Understatement-Kodex der Marke. Und doch gab das Auto einen Ausblick auf die rasanten Sondermodelle der 1980er und 1990er Jahre, die heute von Sammlern besonders begehrt sind. Ein Fall für Kenner war schließlich wiederum der Aston Martin V8 Volante von 1988 in "British Racing Green", den man erst auf den zweiten Blick als seltene EFI-Version identifizieren konnte.


Es ist auch dem AMOC zu verdanken, dass solches Wissen über die Feinheiten der Aston-Martin-Geschichte bis heute in der Szene so gut dokumentiert und verbreitet ist. "Der AMOC spielt in der Historie von Aston Martin eine entscheidende Rolle", sagt auch Christophe Schmidt. "Er ist bis heute die wichtigste Institution für die Archivierung, Erforschung, und Weitergabe technischen Wissens rund um die Marke und ihre Autos. Es ist dem Club und seinen engagierten Mitgliedern zu verdanken, dass Aston-Martin-Enthusiasten heute auf ein knappes Jahrhundert erstklassig dokumentierte Fahrzeughistorien zurückblicken können." Der erste Lehrstuhl für Aston-Martin-Kunde in Cambridge ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.


Die elf außergewöhnlichen Aston Martin aus der Golden Age Collection waren beim AMOC-Jubiläum freilich nur die Spitze des Eisbergs: Als Verehrer des Aston Martin V8 Zagato aus den 1980er Jahren mussten wir uns natürlich vor dem einzigen Rennwagen dieses Typs, der einst vom rasenden Comedian Rowan Atkinson über Britische Rennstrecken gejagt wurde.


Eine wahre Pracht war auch der Anblick eines unrestaurierten Aston Martin DB5 in "Roman Purple" — ein Farbton, den wir neben Cumberland Grey, Tungsten Silver und Bahama Yellow künftig zu unseren Lieblingslackierungen zählen werden. Und war das leuchtend rote Fünfzigerjahre-Coupé, das ein wenig an einen Pegaso erinnerte, nicht jener mythische, von Giovanni Savonuzzi entworfene Aston Martin DB2/4, der in der Karrosseriemanufaktur Serafino Allemano in Turin auf Maß gefertigt worden war? Ein besseres Aufgebot der großen britischen Sportwagenmarke hätte man sich zum 90. Geburtstag des Aston Martin Owners Club nicht wünschen können.
Photos: Rémi Dargegen for Classic Driver © 2025 All rights reserved.












































































































































